80 Jahre Kriegsende

„Auferstanden aus Ruinen …“
Leben in Deutschland nach Kriegsende (1945-1953)

Texte u.a. von Wolfgang Borchert, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Nelly Sachs, Bertolt Brecht und Günter Eich.
Musik u.a. von Dmitri Schostakowitsch, Sergej Prokofjew, Hanns Eisler, Jean Françaix, Elliott Carter und György Ligeti.
Rezitation: Roman Knižka
Dramaturgie: Kathrin Liebhäuser
Dauer des Konzerts: ca. 90 Minuten (mit Pause ca. 110 Minuten) 

Trümmerfrauen in der Ruine von Hitlers „Neuer Reichskanzlei“ in Berlin.
Quelle: picture alliance

Am 8. Mai 2025 jährt sich das Ende des von Hitler-Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs zum achtzigsten Mal. Aus diesem Anlass versetzen sich Roman Knižka und das Bläserquintett OPUS 45 in ihrem neuen Programm zurück in die Jahre 1945 bis 1953. „Auferstanden aus Ruinen …“ erzählt von einem Land im Ausnahmezustand, vom Leben in Trümmern, von Schwarzmarktgeschäften, Hungerwintern, starken Frauen, alltäglicher Gewalt, von Vertriebenen und Kriegsheimkehrern, von politischen und kulturellen Neuanfängen, der Währungsreform und frühen Wirtschaftswunderzeit bis hin zum Aufstand des 17. Juni 1953, als freiheitshungrige Bürger:innen der Deutschen Demokratischen Republik auf die Barrikaden gingen.

Rückblick: Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete am 8. Mai 1945 der 2. Weltkrieg. Er kostete mindestens 55 Millionen Menschen das Leben. In Vernichtungslagern tötete das nationalsozialistische Regime sechs Millionen Juden sowie Hunderttausende von weiteren Opfern. Sechs Jahre Krieg hinterließen Deutschland als Trümmerlandschaft: Großstädte lagen in Schutt und Asche, Millionen von Menschen waren obdachlos, auf der Flucht oder in Kriegsgefangenschaft. Nichts war mehr, wie vorher. Als „Stunde Null“ empfanden viele der Überlebenden das Kriegsende, deren Alltag von Hunger und dem ständigen Kampf um das Notwendigste geprägt war.

Nach Krieg und Diktatur musste sich Deutschland völlig neu orientieren. Zu Beginn hatten jedoch die Siegermächte das Sagen, die das Land in vier Besatzungszonen unterteilten. Mit der späteren Gründung zweier Staaten, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, zementierte sich der Konflikt zwischen den Westmächten und der UdSSR zum sogenannten „Kalten Krieg“. Die Folgen dieser Teilung Deutschlands sind bis heute spürbar.

Dem Schicksal der überlebenden Opfer des nationalsozialistischen Terrors gilt im Programm besondere Aufmerksamkeit. Millionen von ehemaligen KZ-Inhaftierten irrten nach ihrer Befreiung durch alliierte Soldaten durch das Land ihrer Peiniger. Im Bewusstsein der meisten Deutschen spielte der an Juden verübte Massenmord kaum eine Rolle. Der Kampf ums Überleben half bei der Verdrängung. Bereits wenige Jahre nach Kriegsende forderten erste Stimmen, „endlich einen Schlussstrich“ unter die deutsche Vergangenheit zu ziehen und der „entwürdigenden Entnazifizierung“ durch die alliierten Siegermächte ein Ende zu bereiten. Eine erste Annäherung zwischen Juden und Deutschen markierte 1952 die Unterzeichnung des Luxemburger Abkommens durch Bundeskanzler Konrad Adenauer und Israels Außenminister Moshe Sharett – ein (auf beiden Seiten gleichwohl umstrittenes) „Wiedergutmachungsabkommen“, mit dem die Bundesregierung die Verantwortung für die im Nationalsozialismus begangenen Verbrechen insbesondere an Jüdinnen und Juden anerkannte.

Wie facettenreich die „schlechte Zeit“ und die frühen Wirtschaftswunderjahre in gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht waren, ist ebenfalls Gegenstand des Rückblicks. Trotz des Nachkriegselends machte sich schon bald eine oft kaum zu stillende Sehnsucht nach Vergnügen bemerkbar, die sich auf Karnevalszügen, Trümmerpartys oder in Jazz-Clubs Bahn brach. Kultur stand hoch im Kurs. Menschenschlangen bildeten sich vor Kinos, Theatern und Museen. Frauen genossen für kurze Zeit ein freieres Lebensgefühl. Die Kunstflug-Pilotin Beate Uhse entwickelte mit ihrem „Versandgeschäft für Ehehygiene“ ein eigenes Geschäftsmodell, im neuen Look der Bundesrepublik fanden abstrakte Kunst und Industriedesign zusammen.

In der Literaturszene wurde die Frage, ob und wie man nach den Verbrechen der Nazi-Diktatur und der Katastrophe des 2. Weltkriegs weiterschreiben sollte, heftig diskutiert. Neben Kahlschlag- und Trümmerliteratur suchten Autor:innen der Gruppe 47 nach neuen künstlerischen Wegen zwischen Sprachskepsis, Existentialismus und Traditionen der Vorkriegszeit. Aus diesem Spannungsfeld generieren sich die von Roman Knižka gelesenen literarischen Werke des Abends u.a. von Wolfgang Borchert, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Nelly Sachs, Bertolt Brecht und Günter Eich.

Am Rande des völlig zerbombten Darmstadt, auf den internationalen Ferienkursen für Neue Musik, wurde auch die Musik der Nachkriegszeit neu geschrieben. Zu einem der wichtigsten Nachkriegs-Avantgardisten gehört der Komponist György Ligeti. Er wird im musikalischen Teil des Programms ebenso zu hören sein wie andere Komponisten am Puls der damaligen Zeit darunter Dmitri Schostakowitsch, Sergej Prokofjew und Hanns Eisler. Mal begleitend, mal kontrapunktisch zur Lesung stehen zudem Werke des zeitgenössischen Bläserquintett-Repertoires, etwa von Jean Françaix, Victor Bruns oder Elliott Carter.

Die musikalische Lesung „Auferstanden aus Ruinen …“ – Leben in Deutschland nach Kriegsende beginnt mit der epochalen Zäsur des Jahres 1945 und beleuchtet anschließend aus verschiedenen Blickwinkeln eine höchst widersprüchliche Epoche. Hierbei verbinden sich Kultur-, Politik- und Mentalitätsgeschichte zu einer spannenden Darstellung der deutschen Nachkriegsgesellschaft in Ost und West. Ein Beitrag zur Erinnerung an die verheerenden Folgen von Krieg und NS-Diktatur in einer Zeit, in der Russlands Überfall auf die Ukraine das Ende einer über siebzigjährigen Friedensperiode in Europa markiert.